Nürnberger City Werkstatt: Vom gemeinsamen Experiment zum dauerhaften Kooperationsmodell

Ich, Gregor Heilmaier, schildere hier meine Erfahrung aus der Nürnberger City Werkstatt. Als ich im März 2020 den Vorsitz des IHK-Ausschusses für Handel und Dienstleistungen übernahm, traf mich kurz darauf die Corona-Pandemie mitten in dieser Rolle. Aus dieser Not heraus entstand die City Werkstatt – und meine Mitwirkung war selbst ein Prototyp: Heilmaier & Heilmaier wurde dafür nie beauftragt oder bezahlt.

Businessporträt von Gregor Heilmaier

Seit Ende 2020 entwickelten die Stadt Nürnberg, die Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken und zahlreiche Beteiligte aus Wirtschaft und Stadtgesellschaft gemeinsam konkrete Projekte für eine lebendige und zukunftsfähige Innenstadt.

Dabei ging es von Beginn an nicht um ein weiteres Innenstadtkonzept. Im Mittelpunkt standen sichtbare Prototypen, schnelle Lernerfahrungen und die gemeinsame Verantwortung für ihre Umsetzung.

  • Gemeinsame Initiative von Stadt Nürnberg und IHK Nürnberg für Mittelfranken
  • Mehr als 60 Beteiligte in der Startphase
  • Acht Projekte während der Pilotphase
  • Stadtmarketingpreis Bayern 2022
  • Best Practice „stadtimpulse“ 2023
  • Seit 2024 als dauerhaftes Instrument fortgeführt

Die Ausgangslage

Als sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie im Jahr 2020 mit dem bereits länger andauernden Strukturwandel der Innenstädte verbanden, stieg auch in Nürnberg der Handlungsdruck.

Verändertes Konsumverhalten, zeitweise geschlossene Geschäfte, fehlende Besucherinnen und Besucher und die Frage nach neuen Funktionen der Innenstadt verlangten nach kurzfristigen Lösungen und langfristigen Perspektiven.

Die Nürnberger City Werkstatt im Film

Wie funktioniert Zusammenarbeit zwischen Stadt, Wirtschaft und weiteren Innenstadtakteuren in der Praxis? Das Video gibt Einblicke in die Anfänge der Nürnberger CityWerkstatt, ihre Arbeitsweise und die Menschen hinter den Projekten.

Video: „Talk im Atrium mit Gregor Heilmaier“ – IHK Nürnberg für Mittelfranken. Video ansehen

Initiativen und Ideen waren bereits vorhanden. Sie wurden jedoch von unterschiedlichen Organisationen und Akteursgruppen verfolgt und waren nur begrenzt miteinander verbunden.

Die Nürnberger City Werkstatt führte deshalb die städtische „City Offensive“ und die Initiative „Nürnberg.Innenstadt.Stark.Machen“ der IHK Nürnberg für Mittelfranken in einem gemeinsamen Prozess zusammen.

Der Auftakt fand am 9. Dezember 2020 statt. Mehr als 60 Vertreterinnen und Vertreter aus Handel, Gastronomie, Hotellerie, Kultur, Immobilienwirtschaft, Tourismus und Verwaltung beteiligten sich an der ersten Arbeitsphase.

Wie alles begann

Der Erfahrungsbericht aus der Anfangsphase der Nürnberger City Werkstatt beschreibt die Motivation, die ersten Workshops und die damals gestarteten Prototypen.

Zum ursprünglichen Blogbeitrag von 2021

Nürnberger City Werkstatt – eine andere Form der Zusammenarbeit

Die gemeinsame Initiative von Stadt und Wirtschaft war wichtig. Entscheidend war jedoch, wie die Zusammenarbeit organisiert wurde.

Die Nürnberger City Werkstatt setzte nicht auf eine zentrale Projektsteuerung, die zunächst ein vollständiges Konzept entwickelte. Stattdessen entstanden themenbezogene Projektgruppen. In ihnen arbeiten jeweils die Personen und Institutionen zusammen, die für die Entwicklung und Umsetzung eines Vorhabens benötigt werden.

Die Projekte folgten einem gemeinsamen Prinzip: Ideen sollten nicht erst bis ins letzte Detail geplant, sondern möglichst früh unter realen Bedingungen erprobt werden.

Die Beteiligten arbeiteten deshalb mit zeitlich oder räumlich begrenzten Prototypen. Diese machten Veränderungen sichtbar und lieferten Erfahrungswissen für die nächsten Schritte.

Eine gezielte Moderation half dabei, unterschiedliche Interessen, Fachsprachen und Rahmenbedingungen miteinander zu verbinden. Unternehmen erhielten einen besseren Einblick in kommunale Entscheidungs- und Genehmigungsprozesse. Die Verwaltung lernte die praktischen Anforderungen und zeitlichen Zwänge der Wirtschaft unmittelbarer kennen.

So veränderten sich auch vertraute Rollenbilder: Verwaltung und Wirtschaft begegneten sich nicht nur als Genehmigungsstelle und Antragsteller oder als öffentliche Hand und Interessenvertretung, sondern als gemeinsame Projektpartner.

Sichtbare Projekte statt abstrakter Konzepte

Lebendiger Platz

Mit dem Projekt „Lebendiger Platz“ wurden zunächst der Lorenzer Platz und später der Theresienplatz temporär begrünt und als neue Aufenthaltsorte erprobt.

Mobile Pflanzmodule, Sitzmöglichkeiten sowie künstlerische, musikalische und gastronomische Angebote sollten zeigen, wie zuvor wenig genutzte Flächen mit überschaubaren Eingriffen belebt werden können.

Die temporäre Gestaltung des Lorenzer Platzes wurde früh von der regionalen Presse begleitet. Berichtet wurde sowohl über die Ausgangsidee eines „Parks auf Zeit“ als auch über die konkrete Umsetzung und die Weiterentwicklung des Ansatzes. Später griff die Berichterstattung auch die Begrünung des Theresienplatzes auf.

Medienresonanz:

  • Park auf Zeit: Lorenzer Platz soll Treffpunkt werden – Nürnberger Nachrichten/nordbayern.de, 4. Februar 2021
  • Der Lorenzer Platz blüht wieder auf – nordbayern.de, 2021
  • Nürnberger City-Werkstatt möchte den Theresienplatz grüner machen – nordbayern.de, 17. Mai 2022

Summer Street Adlerstraße

In der Adlerstraße wurden zeitweise Parkflächen neu genutzt. Sitzbereiche, Freischankflächen und Mitmachaktionen sollten erproben, wie der Straßenraum stärker als Aufenthalts- und Begegnungsort dienen kann.

Das Projekt machte zugleich sichtbar, dass Prototypen im Bereich Mobilität und öffentlicher Raum komplexer sind als rein digitale oder kommunikative Maßnahmen. Nutzungsinteressen, Verkehrsfragen und die Anforderungen der ansässigen Betriebe mussten gemeinsam bearbeitet werden.

Medienresonanz:

  • Verschönerung der Adlerstraße: So war der Start der „Summer Street“ – nordbayern.de, 3. Juli 2021
  • Berichte und Beiträge von Stadt Nürnberg und Franken Fernsehen zum Start des Pilotprojekts
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Nürnberg liefert!

Mit „Nürnberg liefert!“ entstand ein regionaler Lieferdienst für Nürnberger Händler und Dienstleistungsunternehmen.

Das Projekt wurde innerhalb von ungefähr einem Monat entwickelt und am 22. Januar 2021 gestartet. Es gehörte damit zu den schnellsten sichtbaren Ergebnissen der CityWerkstatt.

Die IHK stellte den Dienst in ihrem Geschäftsbericht als erfolgreich gestartetes Projekt heraus, das stationäre Geschäfte mit digitalen Angeboten und einer meist noch am selben Tag erfolgenden Lieferung verband.

Medienresonanz:

  • Beiträge im IHK-Magazin Wirtschaft in Mittelfranken
  • Berichterstattung über den regionalen Lieferdienst und die Unterstützung des stationären Einzelhandels während der Pandemie

Pop-up-Stores

Temporäre Ladennutzungen sollten Leerstände aktivieren und neuen Geschäftsideen einen sichtbaren Ort in der Innenstadt geben.

Der prototypische Ansatz senkte die Einstiegshürden: Konzepte mussten nicht sofort dauerhaft funktionieren, sondern konnten zunächst in einem realen Umfeld getestet werden. Gleichzeitig erzeugten die wechselnden Nutzungen neue Anlässe für einen Besuch der Innenstadt.

Medienresonanz:

  • Hier eröffnen bald mehrere Pop-up-Stores in der Innenstadt – inFranken.de, 20. April 2021
  • Weitere Berichte über Zwischennutzungen und neue Impulse für leerstehende Ladenlokale

Nürnberger Quartiere

Die digitale Kampagne und Web-App „Nürnberger Quartiere“ machte unterschiedliche Innenstadtviertel, lokale Akteurinnen und Akteure sowie weniger bekannte Orte sichtbar.

Damit wurde die Innenstadt nicht nur als Einkaufszentrum, sondern als vielfältiger Raum aus Quartieren, Geschichten und Erlebnissen präsentiert.

Die Web-App wurde später in das touristische Angebot der Congress- und Tourismus-Zentrale integriert. 2024 erhielt das Projekt den ADAC-Tourismuspreis Bayern.

Medienresonanz:

  • Digitaler Guide zeigt ganz neue Seiten der Nürnberger Altstadt – inFranken.de, 25. August 2022
  • Berichte der Congress- und Tourismus-Zentrale über die App und die Nürnberger Innenstadtquartiere sowie regionaler Medien

Öffentliche Aufmerksamkeit als Teil des Prozesses

Die Medien begleiteten die Nürnberger CityWerkstatt nicht nur nach Abschluss einzelner Projekte. Teilweise waren Journalistinnen und Journalisten bereits während der Entwicklungs- und Workshopphasen beteiligt.

Diese Öffentlichkeit erfüllte mehrere Funktionen: Sie machte früh sichtbar, dass aus Gesprächen tatsächlich Projekte entstanden. Sie stärkte die Wahrnehmung der beteiligten Unternehmen und Initiativen. Und sie schuf Transparenz darüber, dass die Maßnahmen zunächst als Experimente angelegt waren.

Die kontinuierliche Berichterstattung dokumentierte zugleich die Entwicklung der CityWerkstatt: vom krisenbedingten Start über erste Prototypen bis zur anerkannten und dauerhaft fortgeführten Initiative.

Anerkennung und Verstetigung

Im Oktober 2022 wurde die Nürnberger CityWerkstatt mit dem 11. Stadtmarketingpreis Bayern in der Kategorie für Kommunen ab 70.000 Einwohnern ausgezeichnet.

2023 folgte die Zertifizierung als Best Practice durch die bundesweite Plattform „stadtimpulse“.

Nach Abschluss der dreijährigen Pilotphase wurde die CityWerkstatt 2024 als dauerhaftes Instrument zur Stärkung der Nürnberger Innenstadt fortgeführt.

Damit blieb es nicht bei einzelnen zeitlich begrenzten Maßnahmen. Aus dem ursprünglichen Experiment entwickelte sich ein etabliertes Kooperationsmodell, an dem neben Stadt und IHK auch die Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg beteiligt ist.

Mit der Verstetigung 2024 endete auch meine aktive Rolle im Projekt. Seit 2025 habe ich zudem den Ausschussvorsitz abgegeben – die City Werkstatt liegt seither in anderen Händen.

Was Nürnberg gezeigt hat

Die Nürnberger Erfahrungen machen mehrere Erfolgsfaktoren sichtbar:

  • Gemeinsame Trägerschaft schafft Verbindlichkeit. Stadt und Wirtschaft standen gemeinsam für den Prozess und seine Ergebnisse ein.
  • Prototypen schaffen Vertrauen. Sichtbare erste Veränderungen überzeugten auch Beteiligte, die aufgrund früherer ergebnisloser Prozesse zunächst skeptisch waren.
  • Öffentlichkeit unterstützt die Umsetzung. Die Medienresonanz machte Projekte, Beteiligte und Fortschritte nachvollziehbar.
  • Unterschiedliche Projekte brauchen unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ein Lieferdienst konnte innerhalb weniger Wochen gestartet werden. Veränderungen des öffentlichen Straßenraums verlangten deutlich mehr Abstimmung.
  • Moderation ist eine zentrale Voraussetzung. Unterschiedliche Interessen lösten sich nicht von selbst auf. Sie mussten strukturiert zusammengeführt und in gemeinsame nächste Schritte übersetzt werden.
  • Ein erfolgreicher Werkstattprozess kann dauerhaft werden. Aus der zunächst zeitlich begrenzten Pilotphase entstand ein langfristiges Instrument der Innenstadtentwicklung.

Stimmen und Berichte zur CityWerkstatt

Die Entwicklung und die Projekte der Nürnberger CityWerkstatt wurden unter anderem von folgenden Medien und Institutionen begleitet:

  • Nürnberger Nachrichten und nordbayern.de
  • de
  • Franken Fernsehen
  • IHK-Magazin Wirtschaft in Mittelfranken
  • Wirtschaftsblog der Stadt Nürnberg
  • Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg
  • Stadt Nürnberg
  • IHK Nürnberg für Mittelfranken

Ein ausführlicher Pressespiegel mit Fernsehbeiträgen, Presseartikeln und offiziellen Mitteilungen ist auf der Website der Nürnberger CityWerkstatt dokumentiert.

Stadtentwicklung im Gespräch

Wie wird sich die Nürnberger Innenstadt weiterentwickeln? In der Sendung „Talk im Mautkeller“ diskutiert Franken Fernsehen aktuelle Fragen zur Innenstadt, zum Aufseßplatz und zum Frankenschnellweg. Auch die Nürnberger CityWerkstatt wird dabei in den größeren Zusammenhang der Stadtentwicklung eingeordnet.

Video: „Talk im Mautkeller: Innenstadt, Aufseßplatz, Frankenschnellweg“ – Franken Fernsehen, 17. Oktober 2025. Video ansehen

Ich war im Oktober 2025 als einer der Initiatoren der City Werkstatt zu Gast bei Franken Fernsehen – im Rückblick, denn meine aktive Rolle im Projekt war mit der Verstetigung 2024 bereits beendet. Im Gespräch erkläre ich, warum kleine, zeitlich begrenzte Prototypen mehr bewegen als fertige Konzepte.

Beitrag in der Mediathek von Franken Fernsehen ansehen

Vom Nürnberger Experiment zur übertragbaren Erfahrung

Die Nürnberger CityWerkstatt ist keine Vorlage, die unverändert auf jede Kommune übertragen werden kann.

Sie zeigt jedoch, was möglich wird, wenn Verwaltung, Wirtschaft und weitere Akteure ihre Initiativen verbinden, gemeinsam Verantwortung übernehmen und Veränderungen frühzeitig in der Praxis erproben.

Der entscheidende Erfolg besteht deshalb nicht nur in einzelnen Projekten oder Auszeichnungen. Er liegt in einer veränderten Form der Zusammenarbeit, die über die ursprüngliche Pilotphase hinaus Bestand hat.